Montag, 1. Juni 2015

So weit die Füße tragen...

Nun sind wir schon anderthalb Wochen auf Reisen und ich hatte noch gar keine Gelegenheit mal ein paar Zeilen zu schreiben. Das wird jetzt umgehend geändert:

Unser Trip begann – wie sollte es anders sein – in Frankreich. Nachdem unser Dicker in Mosbach noch hoch gebockt wurde, um den lästigen Aufs und Abs der marokkanischen Straßen auch ja standzuhalten,  überquerten wir in Mulhouse die Grenze und genossen die Fahrt gen Süden über die Nationales. Wir sind keine Autobahnschrubber und haben es auch diesmal meist über die Landstraßen gerockt, wobei unser Ziel ja war, möglichst Frankreich nur als Durchfahrland zu nutzen und uns erst in Spanien die Zeit zu nehmen, auch mal hier und da etwas anzuschauen oder stehen zu bleiben, wo es uns gefällt. Nur schaff das mal im gelobten Land...
In Sête haben wir dann doch einen Aperitif am Strand genossen, die Kids im Sand am menschenleeren Strand gespielt und der Wind pfiff uns ordentlich um die Nase. Das sollte sich auch in Carcassonne nicht ändern, wo wir natürlich ebenfalls Halt machten auf der Tour weiter gen Süden. Es pfiff aus allen Winkeln und der Jüngste konnte sich nur noch im Tuch verkriechen, damit er nicht die Böen in die Augen bekam.
Also setzten wir recht zügig unsere Tour fort und steuerten Perpignan an. Dort allerdings haben wir das Auto nur für einen Schnelleinkauf verlassen können, da der Sturm derart heftig wurde, dass nicht viel gefehlt hätte, und wir wären samt LKW gekippt (gefühlt zumindest).
Die Grenze nach Spanien war dann unspektakulär unscheinbar, hoch oben in den Bergen und alsbald schlängelte sich unsere Route an der Küste entlang immer weiter in den spanischen Süden. Bis Alicante gefiel uns aber tatsächlich nicht, was wir sahen. Bettenburgen, arme und wirklich herunter gekommene Städtchen. Alles in industriellem Einheitsbrei mit vielen Werbeschildern und wenig schönen Abschnitten. Alles fest in touristischer Hand bzw. sollte es dies dann wohl bald sein, wenn der Sommer so richtig Einzug hält. Wir sahen zu, dass wir Land gewannen, besuchten Bekannte bei Alicante und dann ein Freilernerpärchen mit ihren zwei Kindern, die gerade in Südspanien kreative Reisepause machen. Dieser spontane Abstecher war wirklich bereichernd und sehr schön. Die Kinder haben sich im Pool des Hauses vergnügt, das sie derzeit sitten und wir Erwachsenen konnten uns über Veganismus, Freilernen und das Backpackerleben als Familie austauschen bzw. wir von ihnen eine Menge Neues erfahren und lernen.
Sie leben wirklich mein Traumleben: einfach on the road, weg von allen Konventionen, allen Pflichten, allem Müssen... ohne die Kinder in Institutionen schicken zu müssen und abhängig zu sein von Terminkalendern, Wochentagen und Ferienzeiten.
Frei sein einfach...
Mit Rucksäcken bepackt einfach nur von dem leben, was das Haus in Deutschland abwirft und sehen, wohin einen die Lust auf Neues treibt. Ohne festen Wohnsitz, immer der Nase nach, dahin wo es schön ist, schön sein könnte und wohin es einen eben zieht... bewundernswert. Ich würde allerdings die Reise im Dicken bevorzugen, da ich mir schwerlich vorstellen kann mit drei Kleinkindern (eines davon Säugling und Tragling) plus Rucksäcken von A nach B zu ziehen. Wobei...mit dem Dicken nach Asien würde sich vermutlich nicht anbieten...

Wir verließen Motril also wie gesagt mit vielen tollen Eindrücken und erreichten alsbald Tarifa. Gibraltar mit seinem gewaltigen Felsen lag bereits hinter uns, als wir auf dem Camping in Tarifa eincheckten, um noch eine letzte Nacht in Europa zu verbringen, eine Dusche zu genießen und die Kids am Strand herum tollen zu lassen. Ein PLatz voller Engländer und mit netten Kontakten... Am folgenden Morgen dann noch eine Runde whale watching (allerdings leider ergebnislos, da der starke Wind uns zur Ausfahrt im Hafenbecken zwang, was wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Wir dürfen die Fahrt aber kostenlos wiederholen, wenn wir aus Afrika zurück kommen.).
Die Überfahrt nach Marokko am gleichen Tag sollte dann etwas zäh werden, stellten wir uns doch vor, dass wir etwa um 20h drüben sein würden wenn wir um halb sechs die Tickets kauften. Pustekuchen: die nächste Fähre sollte um 21h gehen. Soweit so gut. Bis sich herausstellte, dass das erstens marokkanische Zeit (also 22h deutscher Zeit) bedeuten sollte und die Fähre dann auch noch anderthalb Stunden später kam als angekündigt. So fuhren wir um halb zwölf abends aus dem spanischen Hafen aus und erreichten Tanger um halb eins marokkanischer Zeit. Wir waren in der Fähre einfach im Womo geblieben damit die Kinder schlafen konnten und nur die Pässe hatten wir rasch abstempeln lassen. So rollten wir dann auch von der Fähre in den Hafenbereich und übernachteten dort. Alles völlig stressfrei und lediglich etwas spät.

Marokko hat sich nun nach einigen Tagen als unheimlich schön,  geheimnisvoll, vielseitig und spannend gezeigt. Wir hatten durchaus Momente, in denen wir dachten, eventuell in Gefahr zu geraten aber hatten zu keiner Zeit wirklich Angst. Die Menschen, die wir hier treffen und trafen sind stets freundlich und zuvorkommend, hilfsbereit und sehr nett. Natürlich gab es – wie überall auf der Welt – auch zwielichtige Gestalten, von denen man sich lieber fern hielt, aber das ist wie gesagt kein marokkanisches Phänomen.
Kühe, die aus geöffneten Transportertüren hervorlugten, auf offenen Ladeflächen transportierte Pferde und Esel, völlig überladene Autodächer und die Blechdach-Slums von Casablanca waren die vielleicht bisher beeindruckendsten Momente hier. Das Leben spielt sich draußen ab, auf der Straße, auf dem Land, den Feldern und Plantagen. Hinter jedem Baum könnte ein Mensch hervorkommen, es würde nicht überraschen, man geht auf der Autobahn spazieren oder steht mit der gesamten Familie am Straßenrand, in der Hoffnung, per Anhalter in einen entfernten Ort mitgenommen zu werden. Esel sind dominant im Landschaftsbild, magere Pferde und Schafe ebenso.  Immer wieder tauchen Storchennester auf und weiße kranichartige Vögel findet man auch überall. Hunde ziehen durch die von Müll überschwemmten Wiesen auf der Suche nach fressbarem und das Plastikmeer, das sich einem hier in der Natur schier natürlich bietet ist unglaublich für das europäische Auge, das Sauberkeit und Hygiene gewohnt ist und dies wohl auch liebt.
Man fragt sich unweigerlich, ob die Menschen hier nicht um das Problem der Mülls wissen oder es einfach ignorieren... wie dem auch sei: Müll ist allgegenwärtig und wird irgendwann sogar „normal“.

Es ist wunderbar den Muezzin singen zu hören,  die Häuser und Menschen anzuschauen und zu lernen, wie deren Uhren ticken. So anders, so fremd und doch nach einer Weile Zeit in diesem Land irgendwie angenehm vertraut. Das Feilschen auf dem Markt, in den Gassen der Medina, Autofahren mit Menschen, Eseln und Kühen auf der Fahrbahn... alles wird irgendwie alltäglich und das ist wunderbar.
Es ist so erstaunlich festzustellen, dass man mit scheinbar Nichts zufrieden sein kann (oder natürlich auch muss) und dass das Leben aussehen kann, wie es hier eben aussieht. Dennoch lächeln Dir die Menschen hier mitunter häufiger zu als Du es aus der Heimat gewohnt bist. In einem Land, in dem jeder über sein ach so schlimmes Schicksal jammert, ein verspäteter Zug, eine ruinierte Hose, ein Kindergartenstreik uns bereits aus der Bahn werfen... wenngleich hier Menschen in Blechbaracken hausend ihr Land per Hand bestellen und als einziges Hab und Gut eine abgemagerte Kuh vor der Tür auf einer verdörrten, mit Müll übersäten Weide besitzen. Das holt Dich auf den Boden der Tatsachen zurück, macht Dich nachdenklich, dankbar und eigentlich ist es einem auch fast ein wenig unangenehm hier Fotos zu machen, als „Tourist“ herum zu laufen und all die Eindrücke aufnehmen zu wollen.
Ich fotografiere äußerst selten und sauge lieber alles mit den Augen auf muss ich gestehen. Mir ist es wirklich unangenehm die Impressionen, die mich beeindrucken oder bewegen mit der Kamera festzuhalten, die ich dafür auf das Elend, auf den Menschen, richten müsste und ihm damit zeigen würde, dass er ein „Motiv“ für mich ist... vielleicht blöd von mir aber ich kann nicht aus meiner Haut. Mein Sohn hält dafür fleißig seine kleine Kamera auf alles, was er sehenswert findet und es kommen erstaunlich tolle Bilder dabei heraus. Aus noch mal einer anderen Perspektive...

Nun also stehen wir hinter Casablanca in El Jadida in Strandnähe an einem Polizeiposten (in deren Hof) und werden hier die Nacht bewacht verbringen. Campingplätze gibt es selten, wenn dann haben sie diesen Namen auch nicht wirklich verdient und an einer Straße oder auf einem Platz frei stehen ist nicht nur gefährlich sondern auch nervig wenn alle Nase lang jemand an der Türe klopft und bettelt und man sich immer wieder erklären muss. Denn ignorieren kann man es auch nicht...irgendwie...
Hier ist es ruhig, der Beamte (so es einer ist) sitzt hinter dem Haus und schiebt Nachtwache, sagt er. Für umgerechnet 2€ passt er auf, dass niemand sich am Auto zu schaffen macht, was wirklich beruhigend ist. Vor allem, da neben uns soeben ein marokkanisches Mobil eingefahren ist, das ebenfalls hier parken wird. Wenn sogar die Einheimischen nicht außerhalb bewachter Plätze stehen...
Allerdings ist dieser Hüter des Gesetzes fast 80 Jahre alt, hat keine Zähne mehr im Mund und ich frage mich, was er wohl täte wenn randalierende Jugendliche unser Womo zerlegen wollten. Aber ich fühle mich nun einfach erst mal sicher. Es ist sehr schön hier, der Atlantik rauscht in gewohnter Manier brausend an den Strand und die Kinder genießen es nach langer Fahrt nun endlich mal herum zu tollen und Muscheln zu sammeln und in den Wellen zu spielen. Einfach schön...

Wir bereiten uns nun langsam auf die Fahrt nach Agadir vor. Wir werden dort einigen Kindern im „Zentrum für Hörgeschädigte“ Hörgeräte aus Deutschland anpassen und ihnen somit zu Gehör bzw. besserem Hören verhelfen können. Mein Mann wird dem Zentrum die passende Software und einen Computer da lassen, damit die Geräte immer eingestellt werden können. Unsere Idee ist es, immer wieder Hörhilfen nach Agadir zu senden und den Menschen hier zu ermöglichen, mit Hilfe der Kooperation und der nötigen Ausrüstung, die wir ihnen stellen, den Kindern kontinuierlich zu helfen. Ich freue mich schon auf den Besuch und bin gespannt, wie das Ganze anläuft. Anschließend warten Marrakesch, das Atlasgebirge und die Fahrt nach Fez sowie der Norden auf uns, ehe wir gen Portugal aufbrechen werden. Dann gibt es auch sicher wieder Neuigkeiten von mir...


À bientôt also...

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