Dienstag, 2. Juni 2015

Eindrücke

Jetzt sitze ich noch immer hier in Agadir und schreibe in der Mittagspause mal meine Eindrücke unsortiert nieder. Es waren so viele in den letzten Tagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll und ich mag sie nicht "verlieren".
Gestern war z.B. so ein Tag, an dem unheimlich viele Dinge passiert sind und an dem wir so viel gesehen und erlebt haben, dass es eigentlich für eine Woche und ein halbes Buch reichen würde.

Wir sind morgens vom (zugegeben leeren) Campingplatz aufgebrochen, nachdem ich mit den Kids noch kurz am Strand gewesen war, wo ein Kamelbesitzer seine Tiere gerade in den frühen Wellen baden ließ. Ich habe noch nie gesehen, wie Kamele baden oder hätte daran gedacht, dass die ja auch mal sauber gemacht werden müssen. Es war ein heiteres Treiben den Langbeinern dabei zuzusehen, wie sie sich in die Wellen der späten Ebbe knieten (oder knien ließen), um sich von ihrem Besitzer die Hinterläufe schrubben zu lassen. Wenig später standen sie dann frisch gebadet am Strand, um auf Touristen zu warten, die auf ihren Rücken am Meer entlang reiten sollten. Wir gehörten nicht dazu...

Viel mehr machten wir uns auf den Weg gen Agadir und überholten auf dem Weg dorthin wieder zahlreiche Eselskarren und Dreiräder, konnten erneut hinter jedem zweiten Baum und unter jeder dritten Palme Menschen ausmachen, die den Schatten suchten und erneut winkten uns die Kinder, denen wir begegneten munter zu. Nach den Bettelerlebnissen des Nordens ist es angenehm hier im Süden eher freundlich gewunken zu bekommen als traurig drein blickende Kinder mit aufgehaltenen Händen am Auto stehen zu sehen. Wo ich im Norden des Landes niemals das Fenster hinunter gekurbelt hätte, in Salé oder Rabat etwa, oder in Casablanca, habe ich gestern in Agadir sogar mein Handy einem marokkanischen Mädchen ans Ohr gehalten, damit es dem Schulleiter erläutern konnte wo wir sind, damit er uns abholen kommen kann. Die Kleine war umringt von zahlreichen Jungs, die versuchten, an das Handy zu gelangen – ob zum Reinsprechen oder aus der Handreißen weiß ich nicht – aber als sie die Kleine dann mit einer arabischen Stimme am anderen Ende der Leitung reden hörten waren wir wohl plötzlich „Freunde“ und die Hilfsbereitschaft enorm.
Man wächst langsam hinein in dieses Gefühl von „was ist sicher“ und „was ist eher ein bisschen gefährlich“ oder „im Zweifel mit Familie zu unsicher“.

Agadir begrüßte uns mit einem großen Industriehafen und einem langen Boulevard der mal wieder Hassan oder Mohammed gewidmet ist, oder im Zweifel auch nacheinander beiden. Der Königspalast ist gut bewacht aber die Gesetzeshüter sind äußerst freundlich und auch sie winken uns (oder unserem Auto) zu. Wie eigentlich jeder, dem wir mit einem Grinsen und freundlich aufgeschlossen begegnen. Das Auto zieht natürlich nicht selten die Blicke auf sich und so werden auch wir, als größtenteils blonde Familie, zur Zielscheibe von Blicken und Kommentaren. Keineswegs unangenehm aber die Kinder mussten sich erst einmal daran gewöhnen, dass man sie anfasste und ihnen Küsschen gab oder welche einforderte, ihnen über das Haar strich und ihnen Geschenke machte – einfach so.
Gestern hatte ich wirklich das Gefühl, man ist der Ansicht, dass das Berühren blonder Jungen Glück bringt und mein Großer wusste schon gar nicht mehr wohin mit seinem breiten Grinsen, denn freundlich nahm er das einfach alles entgegen und freute sich fast über all die unerwartete Aufmerksamkeit.. Beim Mittagessen mit unseren Gastgebern der Schule für Hörgeschädigte in Agadir wurden ihm Salate, Pommes, Barbecue und was auch immer er sich wünschte bzw. gewünscht hätte, aufgetischt obwohl er mehrfach betonte, dass er gar nicht hungrig sei (ich musste das natürlich übersetzen aber es wurde glatt ignoriert). Das Ende vom Lied war dann, dass ich mir alles Gemüsige und Salatige selbst zu Leibe führte, um nicht unhöflich zu erscheinen und das gute Essen nicht zurück gehen lassen zu müssen. Danke mein Sohn!

Die Stadt erschien auf den ersten Blick etwas sauberer und nicht so chaotisch wie einige zuvor, was sich beim abendlichen Umherstreifen wohl bestätigte (mein Mann durfte noch eine Stadtführung genießen während ich die Kids ins Bett brachte). Aber natürlich finden sich auch hier inmitten des Großstadtdschungels Schafe, Esel und Kühe, die die Viertel durchstreifen, mit oder ohne einen Hirten, der sie antreibt oder auf sie achtet. Menschen, die Mülltonnen nach Essbarem durchsuchen, um es auf ihren Esel zu laden findet man in marokkanischen Städten ebenso wie die dicken Bentleys der vermeintlichen Drogenbosse aus dem Atlas, die dann neben den Eselskarren absolut skurril wirken. Es ist ein so vielseitiges und aufregendes Land, hat so viele Gerüche, Farben und Bilder, dass man nicht aufhören kann zu erzählen, es aufzunehmen, es auszudrücken und doch immer wieder festzustellen, dass man etwas vergessen hat.

Ich komme gar nicht dazu, alles zu fotografieren weil meine Augen nicht so schnell aufnehmen können, was die Kamera eigentlich dann auch noch einfangen sollte. Aber ich bin ohnehin was das angeht ein schlechter Fotograf, muss ich sagen. Nicht, weil ich keine guten Bilder schießen könnte sondern weil es mir einfach unangenehm ist, Menschen zu Motiven zu machen und dieses „Draufhalten“ immer  von einem schlechten Gefühl begleitet wird. Und ich fotografiere nun mal lieber Menschen und Gesichter als Bauwerke und Denkmäler. Das Leben interessiert mich... 
Natürlich möchte man gerne Erinnerungen für das heimische Fotoalbum mitnehmen aber hey: die Erinnerungen, die ich wirklich und wahrhaftig mitnehme, die leben in meinem Kopf und sind ohnehin nicht teilbar. Ich kann zuhause Bilder dieser Reise zeigen und doch werde ich niemals transportieren können, was wir erlebt und gesehen haben, unterscheidet sich das im Eindruck doch vermutlich schon unter uns fünfen ganz gewaltig. Das, was wir hier sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen können ist so viel, gemessen an dem was ein einzelnes Bild sagen könnte.
Wenn ich mir die Schnappschüsse der Kinder anschaue, so sehe ich Landschaften, Tiere und dass sie einander und uns als Familie in den unterschiedlichsten Posen aufnehmen. Meine Bilder sind Aufnahmen von Dingen, die mein Auge gerade erst erfassen konnte ehe ich feststellte, dass ich sie auch noch aufnehmen sollte. Daher oft verschwommen, nur noch teilweise das Motiv erfassend und nicht selten zu nah oder zu weit weg. Der Mann im Haus macht echt gut Fotos aber er konzentriert sich meines Erachtens auch darauf, dass er ein brauchbares Bild schießen möchte, das nicht selten als zu vermarktendes Poster herhalten könnte. So unterschiedlich sind also all die Eindrücke, die Bilder und auch das, was wir davon mit nachhause nehmen werden, um es zu erzählen. Schön, dass es so ist denn so haben wir auch untereinander eine Menge zu teilen.

Beim Lunch mit Schulleiter und Projektleitung gestern Mittag saßen wir zu siebt in einem alten Mercedes und lernten erstmal, dass das natürlich verboten sei aber dass es immer auf den Grund eines vollen Autos ankäme und unserer sei natürlich nicht strafbar. Ergo befanden wir uns auf der legalen Seite und wenig später dann in einem gehobenen Restaurant am Rande Agadirs wieder, wo uns Salate zur Vorspeise serviert wurden ehe das traditionelle Essen auf den Tisch kam: Allerlei aus der Tajine , das mit den Händen bzw.  mit Hilfe der zerrissenen Brotfladen von allen aus der Mitte heraus gegessen wird. Unheimlich toll, gesellig und absolut meins. Ich habe Gemüse, Oliven und Pflaumen heraus gepickt und es war köstlich. Anschließend natürlich der traditionelle Minztee, der am Tisch frisch zubereitet und aufgegossen wird - wunderbar.
Am Nachbartisch genossen einige Männer ein ähnliches Menü, der Tisch hinter uns hatte noch frische Wassermelone zum Nachtisch, die allerdings zur Hälfte liegen blieb weil man wohl satt war. Ich hätte gerne zugegriffen und verhindert, dass man das gute Stück entsorgt aber ich denke, das wäre unangemessen gewesen.

Stattdessen bin ich mit dem Jüngsten aufgestanden, um mir ein ruhiges Plätzchen zum Stillen zu suchen. Gar nicht so einfach als stillende europäische Mutter in einem muslimischen Land. Sich entblößen in der Öffentlichkeit geht mal gar nicht, das Kind stillen in der Öffentlichkeit eher auch suboptimal und es schreien lassen, für mich ein "no go" und undenkbar. Also ziehe ich regelmäßig in versteckte Eckchen und stille klammheimlich vor mich hin. Zumindest dachte ich bis vorgestern, dass das so sein müsste. 
In Essaouira aber hatte ich ein wunderbares Erlebnis, das ich unbedingt festhalten muss. Es war sehr heiß mittags, die Großen riefen nach Wasser und bettelten um Eis während ich darauf bedacht war den Kleinen endlich zu stillen, der schon unruhig wurde. „Schreiendes deutsches Baby in marokkanischer Medina“ war jetzt nicht so meine Traumvorstellung eines entspannten Mittagsausflugs. Aber: wo sollte ich das tun? Mir kam der Zufall zur Hilfe. Wir standen unmittelbar vor dem christlichen Friedhof der Stadt und einige Katzenjunge lugten neugierig aus der Friedhofstür hinaus auf die Straße. Ebenso der Friedhofswärter, der uns ad hoc anlächelte und auf die Aufschrift am Tor „cimetière chrétien“ deutete als er bemerkte, dass ich wohl gerne „füttern“ wollte. 
Ungeniert zog er seinen Stuhl hinaus auf die Straße und meinte in gebrochenem Französisch, dass die Kinder besser tränken wenn die Mutter säße und bat mich, Platz zu nehmen. Das Eis war gebrochen und ich saß mitten in der Medina vor dem christlichen Friedhof und stillte mein Kind – natürlich darauf bedacht, uns mit dem Sling annähernd komplett zu bedecken aber: ich habe tatsächlich in der muslimischen Öffentlichkeit unbehelligt stillen können – fand ich ein tolles Erlebnis.

Witzig war auch, dass der Parkwächter (ja, ohne Parkwächter lässt man sein Auto hier auch als Einheimischer nirgends stehen) der erste und einzige Mensch in diesem Land war, der deutsch sprechen konnte weil er vier Jahre lang in Deutschland gelebt hatte. Er verlangte unübliche 20 Dirham, was in etwas 2€ entspricht und viel Geld ist. Wir zahlten sie aber gern, da unser Wohnmobil gut bewacht stand und er furchtbar freundlich und amüsant war. Zudem hatte er uns trotz des „Verbots“ eines Polizisten einen Platz zugewiesen und das sei nun mal teurer.
Die Vorgeschichte:
Überall steht angeschrieben, dass Wohnmobile nicht parken dürfen vor der Mauer der Medina. Wir hielten also prompt und fragten einen Polizisten, wo wir denn dann stehen könnten wenn nicht dort. Er sah etwas streng in unser Fahrzeug, bemerkte, dass mein Mann kein Französisch sprechen konnte und ich diejenige war, mit der er kommunizieren müsste, woraufhin er erstmal meinte, wir könnten hier nicht stehen sondern müssten zum Camping fahren und von dort aus laufen. Als er das Baby zwischen uns bemerkte war sein Kommentar: „Monsieur, sie lernen besser Französisch bis zum nächsten Mal. Vergessen sie Englisch. Fahren Sie da vorne an die Mauer und fragen Sie den Parkwächter ob er sie gegen Bares dort stehen lässt!“ Ich bedankte mich (im Namen meines Mannes) überschwänglich und wir taten wie uns geheißen. Nun ja, und dann trafen wir unseren marokkanischen deutsch-sprechenden Parkwächter, der uns zwischen zwei LKW „versteckte“ und dafür seine 20 DH kassierte.
An jeder Straße und an jeder Parklücke oder auf jedem öffentlichen Parkplatz wird bewacht bzw. tun junge Männer so, als würden sie auf das Auto aufpassen. Nur wer eine gelbe Warnweste trägt oder unter einem Sonnenschirm sitzt und die örtliche Polizei „kennt“ ist auch wirklich Parkwächter und passt vertrauenswürdig auf das Auto auf. Mittlerweile wissen wir, dass man in Marokko in der Regel überall eingewiesen, hinaus gewunken und auch überschwänglich zum Stoppen bewegt wird und dafür auch entsprechend ein bisschen was springen lässt. Es gibt ergo eine ganze Menge Parkwächter im Land und nur auf Supermarktparkplätzen sind uns noch keine begegnet...

Apropos Begegnung: Man begegnet ständig und überall Eseln. Ich liebe diese grauen Gefährten die das Kindchenschema so herzig bedienen. Großer Kopf und relativ kleiner Körper, eigensinnig und robust, einfach toll. Sie stehen an jeder Ecke, man findet sie häufiger als Autos außerhalb der Städte und sie bestimmen einfach überall hier das Landschafsbild. Bereits am Hafen kamen sie uns entgegen und die Faszination des ersten „Oh schau mal“ ist einem „Joah, schon wieder ein Esel“ gewichen. Zumindest bei den anderen, ich kann mich ja einfach nicht satt sehen. Ob sie angebunden irgendwo am Baum stehen (wie leid sie mir tun), vor einen Karren gebunden Lasten ziehen (sie tun mir ehrlich leid...) oder ihre Herrchen tragen (meist mit zusätzlicher Last, ich würde sie so gern alle befreien): sie sind überall und einfach unglaublich. Wenn man bedenkt, was sie da alles (er-)tragen und welche unglaublichen Wege sie bei unmenschlichen Temperaturen zurück legen, wie stark und treu sie das alles hinnehmen... ich bin begeistert und würde am Liebsten mindestens jeden zweiten adoptieren und nach Deutschland exportieren. Aber ich merke, dass es Grenzen gibt in dem, was ich gerne würde und dem, was ich tatsächlich tun kann...

Ich wollte ja schon immer gerne Esel haben  - einfach um der Esel willen, ohne dass ich sie zu etwas „einspannen“ würde sondern einfach weil sie so wunderbar freundlich sind und nicht minder stur wie ich selbst (sagt mein Mann) aber dieser Urlaub verstärkt meinen Wunsch nach einem bzw., zwei solcher treuen Gesellen noch mehr. Natürlich haben es mir die kleinen Eselkinder besonders angetan denn wie mit den jungen Kätzchen oder den Welpen, die man hier antrifft, sind es auch die Babyesel, die sooooo süß sind und begeistern. Ich weiß gar nicht, wie viele Bilder ich schon geschossen habe... Aber das tolle an Eseln ist ja, dass sie nicht nur als Jungtier so wunderbar sind sondern einfach immer begeistern. Irgendwann...
So, das soll es für heute gewesen sein. A bientôt...

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